Auf dem Portal von Capital ist kürzlich ein interessanter Artikel von Anja Förster mit dem Titel „Nein zur Team-flation“ erschienen, der uns – Antonio und Andreas von Accompany – zum Nachdenken gebracht und auch ein klein wenig provoziert hat. Frau Förster beschreibt, dass Büroarbeiter heutzutage deutlich mehr Zeit als noch vor 20 Jahren mit Teamaktivitäten wie Meetings und Telkos verbringen. Obwohl wir die Kolumnen der Autorin sehr schätzen, stolperten wir beim Lesen doch über einige Aussagen, die wir so nicht teilen. Grund genug, Frau Förster Paroli zu bieten.

Kommentar von Antonio Guaiana

antonio

Liebe Frau Förster,

bei allem Respekt: Mit Ihrem Artikel „Nein zur Team-Flation“ liegen Sie so daneben, dass er nicht unkommentiert bleiben darf. Es ist allerhöchste Zeit für mehr und intensivere Zusammenarbeit im Job, in der Welt und auch sonst. Ich gehe mal mit einer steilen These in den Diskurs: „Unsere Welt leidet mehr unter dem ICH als dem WIR“.

Es ist doch eine Binsenweisheit, dass es in den meisten Unternehmen zu viele und unproduktive Meetings gibt und dass ich nicht für jedes Problem ein Team brauche, um es zu lösen. Aber das stellt doch nicht die Effektivität von Teamarbeit als solche in Frage. Ich glaube, es ist vielmehr so, dass die heranwachsenden Generationen weder in der Schule noch im Studium richtig lernen, im Team zu arbeiten. Ganz im Gegenteil, es ist die Einzelleistung, die zählt. In der Klausur, auf dem Zeugnis und in der Bachelor-Note. Und das passt so gar nicht mehr in unsere Zeit. Die Welt wird komplexer, die Konsequenzen unseres Handelns in immer kürzerer Zeit spürbar und damit die Fähigkeit, schnell und im Sinne des Ganzen zu handeln, stetig wichtiger. Herdentrieb und Konformismus haben nichts mit guter Teamarbeit zu tun, sondern sind vielmehr eine Folge von glattgestrichenen Firmenkulturen, in denen man angepasst besser durchkommt.

Es wird Zeit, dass Kooperation einen festen Platz im Lehrplan von Schulen und Universitäten bekommt, dass nachfolgende Generationen den Wert gemeinsamen Nachdenkens und einer konstruktiven Kommunikation lernen. Unterschiedlichkeit sollte als Stärke erkannt werden und beim Erarbeiten von Lösungen das „Wir“ und nicht das „Ich“ im Vordergrund stehen. Man muss kein Visionär sein, um zu erkennen, dass die zukünftigen Herausforderungen in Firmen oder der Welt nur gemeinsam gelöst werden können und der Blick dabei fest auf die Teampower gerichtet sein sollte. Ein wesentlicher Schritt auf diesem Weg ist, dass unsere Ausbildungssysteme, aber auch die Gesellschaft Zusammenarbeit fördern, statt sie zu sanktionieren.

Ich möchte den Beitrag versöhnlich beenden. Ihre Aufforderung, mal einen Termin mit sich selbst zu machen, unterschreibe ich bedingungslos. Also nichts für ungut, liebe Frau Förster. Auf gute Zusammenarbeit!

Kommentar von Andreas Malangre

mallefitz

Bei Accompany arbeiten wir jedes Jahr mit vielen hundert Menschen zusammen und die wenigsten davon schweben in einer Wolke der Meeting-Euphorie. Vielmehr werden Meetings und Besprechungen von den meisten als notwendiges Übel der Zusammenarbeit betrachtet. Oder finden sich unter unseren Lesern auch einige, die Meetings als Orte außergewöhnlich angenehmer Zusammenarbeit empfinden? Bitte melden!

Nichtsdestotrotz würde ich vieles aus Ihrem Beitrag unterschreiben: Die Anzahl an Abstimmungen in Form von Gesprächen, Meetings und Telefonkonferenzen ist sicherlich sehr hoch. Ob jede davon wirklich notwendig ist, ist eine interessante Frage. Und auch ob Dauer und Effektivität heutiger Zusammenkünfte wirklich optimal sind, wage ich zu bezweifeln. Von daher weist der Artikel sehr schön auf ein Problem in unserem Arbeitsalltag hin. Allerdings stört mich die zugrunde liegende Pauschalität und die Tonalität des Artikels. Und vor allem eines: Eine fehlende Lösung!

Denn die globale Verneinung von Team- und Zusammenarbeit würde schnell dazu führen, dass unsere Arbeit deutlich beschwerlicher wird. Jedem von uns sollte Arbeitszeit für sich alleine vergönnt sein, in der er oder sie die Aufgaben erledigt, für die er oder sie eingestellt wurde. Dabei muss nur eines bedacht werden: Das Erledigen der Arbeit erfordert heute sehr oft eine Abstimmung mit Kollegen oder benachbarten Abteilungen. Sonst wird die gleiche Arbeit unter Umständen doppelt erledigt. Oder noch schlimmer: Aus Unwissenheit über das, was in anderen Abteilungen läuft, erledigt man die anstehenden Aufgaben zwar, aber der nächste in der Kette kann damit nichts anfangen.

Dass in einer Welt immer komplexerer Zusammenhänge und Arbeitsteilung Abstimmung unverzichtbar ist – wer hätte das gedacht! Daher lohnt es sich aus meiner Sicht nicht nur, darüber zu meckern, wie schlecht doch alles ist, sondern auch, an konstruktiven Lösungen zu arbeiten. Dabei nimmt die Arbeit am „Wie“ der Zusammenarbeit eine zentrale Rolle ein. Die Arbeitswelt heute ist deutlich komplexer als noch vor 20 Jahren: Man arbeitet teilweise über verschiedene Kontinente verteilt zusammen an einer Aufgabe, die nur im Team erledigt werden kann – Online-Projektmanagement sei Dank!

Und so stellt sich dann eine ganz andere Frage: Wie kann man als Team seine Zusammenarbeit so gestalten, dass Abstimmungsprozesse möglichst wenig von der eigentlichen Arbeitszeit beanspruchen und vor allem: Wie kann man alle effektiv daran beteiligen? Und von Zeit zu Zeit darf man sich als Team auch durchaus mal die Frage stellen, ob das, was man gerade treibt, denn noch zielgerichtet ist und ob sich alle damit wohlfühlen. Aber das würde dann das nächste Meeting bedeuten.

Wie Sie lesen können, empfinden wir Teamarbeit keineswegs per se als schlecht. Einige Ansichten Frau Försters können wir allerdings dennoch unterschreiben. Uns interessiert Ihre Meinung zu diesem Thema. Wie nehmen Sie die Zusammenarbeit in Meetings wahr? Als konstruktiv oder überflüssig? Gibt es effektivere Formen der Informationsweitergabe und falls ja, welche? Benötigen Sie mehr Allein-Arbeitszeit, um gute Ergebnisse zu liefern? Teilen Sie Ihre Erfahrungen in den Kommentaren mit uns!