Ich glaube, ich muss Sie, werter Leser, nicht davon überzeugen, dass sich die ganze Welt in einem riesigen Veränderungsprozess befindet. Und das gefühlt im Schleudergang, der uns alle unmittelbar betrifft. Es sind Themen wie Global Warming, Kriege auf der ganzen Welt, Ungleichverteilung von Ressourcen, Flucht und Vertreibung. Dagegen wirken die Probleme größerer und kleinerer Unternehmen im Rahmen der Globalisierung geradezu trivial.

Warum sollte sich ausgerechnet Design Thinking dafür eignen, diese Probleme zu lösen und die Welt am Ende doch noch zu retten? Lassen Sie mich kurz umreißen, was Design Thinking eigentlich ist. Die von Ihnen, die schon Bescheid wissen, bitte ich kurz um Geduld.

Alle reden über Design Thinking. Aber über was sprechen wir da eigentlich?

Keiner weiß so richtig, was Design Thinking wirklich ist. Aber beginnen wir von vorne. Die Erfinder dieser Methode sind die Informatiker Terry Winograd, Larry Leifer und David Kelley. Und Achtung: Das Thema ist seit 1991 auf dem Markt. In unserer schnelllebigen Zeit also ein echter Dinosaurier. Und böse Zungen behaupten, dass der Informatiker an sich, nicht dafür bekannt ist, furchtbar kreativ zu sein. Nichts mit „neuer Kreativitätsmethode“ also, wie Design Thinking häufig betitelt wird.

Hier in Deutschland hat es erst richtig Fahrt aufgenommen mit Hasso Plattner, dem SAP-Gründer und Mäzen, der vor allem junge Menschen an seinem Institut in Potsdam in Design Thinking ausbilden lässt.

Jetzt mal Butter bei die Fische: Was ist Design Thinking?

Meiner Meinung nach ist Design Thinking ein perfektes Werkzeug, um Probleme zu lösen und Produkte nah am Kunden zu entwickeln. Das ist an sich erst einmal überhaupt nichts Besonderes. Die Magie entsteht, wenn man sich anschaut, wie genau das passiert – wie die Prozesse im Team ablaufen.

Die wichtigste Zutat ist sicherlich, dass Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenkommen. In der Unternehmenswelt nennt man das dann „bereichsübergreifend“. Jeder, der schon einmal in einem Team mit Menschen zusammengearbeitet hat, die unterschiedliche Ausbildungen, Fähigkeiten und Talente mitbringen, weiß, wie wertvoll und bereichernd unterschiedliche Perspektiven für die Lösung eines Problems sein können. Einstein soll einmal gesagt haben: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Für mich ist Design Thinking die Anwendung dieser Überlegung. Der geneigte Leser mag bereits das Potenzial für eine mögliche Weltenrettung erkennen.

Prototyping im Design Thinking: Scheitern erwünscht!

Und weiter geht’s: Die nächste Zutat ist das Fragen stellen. Getreu dem Motto „Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler“ wird nachgefragt, was dem „Kunden“ tatsächlich bei seinem Problem helfen würde (manchmal weiß der Kunde zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, dass er ein Problem hat). Wer fragt, der führt, heißt es und stellt sicher, dass entwickelte Produkte und Ideen auch den „Nerv“ der potenziellen Kunden trifft.

Und schließlich das schnelle Prototyping. Ohne großen Aufwand, aber dafür mit viel Spaß erstellt das Team einen ersten Prototyp der Idee. Der darf zunächst rudimentär sein: Aus LEGO, Pappe, Knete oder was immer gerade zur Hand ist und hilfreich erscheint. Damit ist sichergestellt, dass man sehr früh erkennt, ob ein Lösungsansatz tut, was er soll. Falls nicht (und das ist eine weitere zentrale Zutat), wird die Lösung verworfen, um eine bessere zu finden. Das Scheitern einer Idee ist Teil der Methode und nicht etwa negativ. Der ganze Prozess ist geprägt von Teamarbeit, Spaß und Ausprobieren. Kurz: Alles, was man für eine kreative Arbeitsumgebung braucht. Es hat fast etwas Spielerisches, wenn da nicht die sehr strenge zeitliche Taktung wäre, die sicherstellt, sich nicht in den einzelnen Schritten zu verlieren.

Es scheint, als komme Design Thinking genau zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Zutaten: Hasso Plattner, der einzige deutsche Unternehmer im Format der Silicon-Valley-Stars, als Pate der Methode. Die School of Design Thinking als zentrale Bildungseinrichtung inmitten Deutschlands Epizentrums der hippen und kreativen Szene. Und schließlich noch das unternehmerische Umfeld, das von den sogenannten Digital Natives gerade von hinten aufgerollt wird. Junge Unternehmen mit flachen Hierarchien, unkonventionellen Methoden und vor allem einer hohen, fast bedrohlichen Umsetzungsgeschwindigkeit treiben die „Großen“ vor sich her. Bevor aber die Digital Immigrants (jene, die nicht mit dem Digitalen aufgewachsen sind) so weit sind und die Methode richtig verstehen und anwenden können, wird wohl schon wieder die „nächste Sau“ durchs Dorf getrieben. Wie ist das nun mit der Schnelllebigkeit? Für die einen die Kraft, die sie am Brennen hält. Die anderen sind einfach nur genervt, dass Beständigkeit inzwischen zu einem Synonym für den Unwillen, sich zu verändern, geworden ist. Wo würden Sie sich einordnen?

Aussichtsreicher Anwärter könnte Scrum sein, auch eine Methode, die unter dem Titel „agiles Projektmanagement“ die Bücherregale erobert. Auch hier geht es um Schnelligkeit, wie der Titel bereits erahnen lässt. Aber ich schweife ab. Die Ausgangsfrage war ja: Kann Design Thinking die Welt retten? Und – kann es?

Design Thinking als Werkzeug für Weltenretter

Falls Sie keine Zeit oder Lust mehr haben weiterzulesen, hier schon mal die Antwort: Vielleicht.

Das Vorzeigeunternehmen The Dark Horse aus Berlin hat nach eigenen Angaben gleich gegen drei Gründungsregeln verstoßen:

  • Gründe niemals mit Freunden ein Unternehmen.
  • Gründe nie mit mehr als drei Leuten (Die waren 30!).
  • Stecke all deine Zeit in dein Start-up.

Aber trotzdem zeigt Dark Horse seit 2009, dass man mit der gelebten Methode und der richtigen Einstellung erfolgreich sein kann. Vor allem dann, wenn der Mut reicht, auch gegen Regeln zu verstoßen und sein Ding zu machen.

Ein anderes tolles Beispiel für Weltenretter ist das Team rund um die Impact Week. Im Sommer dieses Jahres hat ein Team von Freiwilligen mit den unterschiedlichsten Backgrounds Mitarbeiter der Universität Nairobi/Kenia in der Design-Thinking-Methode geschult. Die haben wiederum mit 100 Studierenden, aufgeteilt in 17 Gruppen, an Geschäftsideen gearbeitet. Die fünf Gruppen mit den besten Geschäftskonzepten erhielten Zugang zu Inkubatoren für Start-ups. Unternehmensgründung statt Entwicklungshilfe. Von solchen Beispielen gibt es noch viele mehr und das lässt hoffen.

Design Thinking ist kein Allheilmittel!

In vielen Unternehmen sind die Mitarbeiter und Führungskräfte stattdessen damit beschäftigt, die immer schneller auftauchenden Veränderungen in den Griff zu bekommen. Und damit das nicht zu einfach wird, muss das auch noch mit immer weniger Ressourcen passieren. Ich wage zu bezweifeln, dass da eine Methode wie Design Thinking, die oft genug im Gewand eines Heilsversprechens um die Ecke kommt, ausreicht. Was prima in Start-ups funktioniert, ist in großen Traditionsunternehmen oft wie ein neuer Anstrich auf einer sanierungsbedürftigen Fassade. Man fühlt sich manches Mal an Paul Watzlawick erinnert: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Design Thinking ist nicht auf alles die richtige Antwort. Damit die Methode funktioniert, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Es braucht Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern vertrauen, die bereit sind los- und vor allen Dingen zuzulassen. Es braucht aber auch Mitarbeiter, die sich einbringen, offen für einen Perspektivwechsel sind und auch für die Mitarbeiter heißt es: Gelerntes loslassen und Neues zulassen. Es geht darum, zu erkennen, dass Unterschiedlichkeit keine Bedrohung ist, sondern eine Bereicherung.

Lasst uns aus der Methode eine Haltung machen

Zeit für ein persönliches Fazit: Design Thinking fördert die Zusammenarbeit über Abteilungen hinweg, kommt der Kreativität zugute, macht Spaß und liefert in erstaunlich kurzer Zeit erstaunlich gute Ergebnisse. Das mag ich sehr an dieser Methode. Ich mag auch, dass sie für eine neue Generation Menschen steht, die bereit sind, ihr „Ding“ zu machen und sich wenn nötig über Regeln hinwegsetzen.

Lernen wir unsere Unterschiedlichkeit zu nutzen, dann verändern wir die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten und zusammenleben. Verstehen wir es, in einem kreativen Prozess gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die dem helfen, der sie braucht, hat Design Thinking Erfolg. Lasst uns aus der Methode eine Haltung machen! Dann hat Design Thinking eindeutig das Potenzial, die Welt zu retten. Und wie hat meine Großmutter immer gesagt: „Es macht nichts, wenn es schnell geht.“